1. Dezember 2024

Unvergebenheit kostet dich alles

Unvergebenheit kostet dich alles

Ja, wir befinden uns in Matthäus 18, in den letzten Versen dieses Kapitels, und wir haben gerade in der Lesung gehört, wie Petrus mit Jesus im Gespräch ist. Es heißt im Vers 21: Dann trat Petrus zu ihm, zu Jesus, und sprach: Herr, wie oft soll ich meinem Bruder, der gegen mich sündigt, vergeben? Bis siebenmal? Diese Frage kommt vielleicht heute Morgen sehr unvermittelt in den Gottesdienst hinein. Wie sieht es aus mit Vergebung in unserem Leben? Was ist notwendig?

Was vielleicht für uns unvermittelt kommt, ist für Petrus alles andere als unvermittelt. Der Grund ist, dass Jesus im 18. Kapitel mit seinen Jüngern und auch mit Petrus genau über diese Thematik gesprochen hat. Was passiert, wenn Sünde auf einmal in unser Leben tritt? Wenn Unversöhnlichkeit in unser Leben tritt? Wenn wir miteinander Streitigkeiten haben und sich Widerstände breitmachen?

Vielleicht haben einige noch die Predigt von letzter Woche im Ohr und können sich daran erinnern, dass Jesus in diesem Text, in diesem Kapitel, dieses berühmte Bild des Hirten platziert, der sein verlorenes Schaf sucht, neunundneunzig zurücklässt und das eine Schaf sucht. Er vergleicht dieses Bild des wunderbaren Hirten mit dem himmlischen Vater, der so fürsorglich ist und die Schafe sucht, die verirrt sind. Doch Jesus gebraucht dieses Bild nicht, um zu sagen: Lege deine Hände in den Schoß und genieß einfach, was der Vater im Himmel tun wird. Nein, wenn das wahr ist und wir die Familie Gottes sind, dann ist es als Kinder Gottes unser Auftrag, das Realität werden zu lassen, wovon wir gelesen haben. Und Gott sucht durch uns denjenigen auf, der sich gegen uns versündigt hat.

Es ist ein brennender Appell, Unversöhnlichkeit und Verbitterung in unserem Leben zu überwinden. Die Sünde zu überwinden und – so viel an uns liegt – die Angelegenheiten zu klären.

Vielleicht könnt ihr euch noch an den Ausspruch erinnern: In so manchem Keller stinkt es mächtig nach so mancher Leiche, die man dort abgelegt hat und denkt: Das ist schon in Ordnung so.

Für Jesus nicht. Leichen gehören nicht in den Keller. Leichen müssen begraben werden. Der Keller ist kein guter Ort dafür, doch bei vielen sind die Keller voll damit. Und Jesus sagt, geht da heran, klärt die Dinge, die ihr gegeneinander habt. Es ist nicht möglich, in einer gesunden Nachfolge zu leben und immerwährend Zorn, Verbitterung und Unversöhnlichkeit im Gepäck mit sich zu schleppen.

Also: Klärt die Dinge. Erst, wenn in diesem Klärungsprozess mit deinem Bruder, mit deiner Glaubensschwester die Ignoranz auf der anderen Seite so groß ist, dass sie überhaupt nicht willens ist, einzulenken, erst nach einem gewissen Prozess ist es angesagt, dass sich unsere Wege trennen, um der anderen Seite zu zeigen: Licht und Finsternis haben nichts gemein.

Wer in seinen Verstrickungen, in seiner Rebellion, in seiner Auflehnung gegen Gott und die Menschen verharrt, der muss dann auch das Signal bekommen: Wir separieren uns voneinander. Ich kann nicht sehen, dass du die Worte von Jesus ernst nimmst – so wie ich es in meinem Leben versuche. Wenn ich Dinge falsch gemacht habe, dann möchte ich sie bekennen. Ich möchte mich demütigen. Ich möchte den Weg von Jesus gehen. Ich bitte dich: Komm auch auf diesen Weg, lass uns gemeinsam demütig sein. Lass uns von unserer Rebellion Abstand nehmen und einen besseren Weg wählen – im Namen von Jesus.

Und wenn jemand sagt: Nein, ich habe meine Pläne für mein Leben gefasst, und ich möchte in meinen Wegen und nicht in den Wegen Gottes wandeln, dann soll es so sein. Ab diesem Zeitpunkt gehen wir getrennte Wege – in der Hoffnung, dass diese Konfrontation dazu führt, dass der andere ins Umdenken kommt: Moment mal, mein Weg isoliert mich tatsächlich von anderen, die doch auch Jesus lieben. Vielleicht führt das Umdenken dazu, dass derjenige wieder auf den richtigen Pfad kommt.

Petrus hört, dass wir eine Gemeinschaft sein sollen, die die Sünde überwindet. Dass wir bereit sein sollen, wenn wir den Bruder sündigen sehen, ihn damit zu konfrontieren, und wenn er umkehrt, ihn dann auch wieder freundlich aufzunehmen.

Der Fokus von Jesus ist nicht: Wie könnt ihr möglichst schnell all die loswerden, die euch im Wege stehen, sondern: Ringt und kämpft umeinander. Wenn jemand bereit zur Umkehr ist, dann sei froh, akzeptiere seine Entschuldigung, nimm ihn an und mach ihm keine Vorhaltungen, sondern habt Gemeinschaft miteinander.

Petrus hört das und wird unruhig. Ihm ist nicht ganz klar, was Jesus damit aussagen will. Also: Was meint Jesus? Petrus kennt Jesus jetzt schon eine ganze Weile und hat ein Stück weit Jesu Herzenshaltung erkannt.

Die drängende Frage für Petrus hier in Vers 21 ist: Herr, wie oft soll ich meinem Bruder, der gegen mich sündigt, vergeben?

Es ist für Petrus wichtig, das zu klären, nachdem er gerade eben gehört hat, dass wir in Versöhnlichkeit leben sollen.

Ja, Amen, Hallelujah!  Aber: Jesus, wie oft, bitte schön.

Ich finde es schon sehr interessant: Petrus stellt nicht nur diese Frage und wartet auf das, was der Lehrer, der Rabbi, der Meister zu sagen hat. Nein, Petrus gehört zu der Sorte Menschen, die, wenn sie eine Frage stellen, auch gleich eine potenzielle Antwort in der Tasche haben.

Ihr seht vielleicht in dem Vers, dass Petrus nicht darauf wartet, bis Jesus sagen kann, was er dazu meint, sondern er denkt: Ich muss Jesus einen Vorschlag machen, was gut wäre.

Kennen wir das aus unserem Leben? Wir ringen mit Gott um eine Sache, und wenn wir im Gebet sind, dann haben wir schon einen Vorschlag für Gott, wie es richtig wäre?

Es ist nicht nur so, dass Petrus wissen will: Wie oft? Sondern: Herr, wie oft? Siebenmal? Jesus, lass uns über Obergrenzen reden.

Deutschland kennt diese Diskussion mit der Obergrenze, aber hier geht es nicht um Geflüchtete. Hier geht es darum: Wie oft muss ich vergebungsbereit sein? Wie oft muss ich die Hand ausstrecken und von Herzen sagen: Jawohl, lass uns miteinander weiterziehen.

Siebenmal? Und dabei ist Petrus schon besonders gnädig, dass er gleich siebenmal anbietet.

Zu der damaligen Zeit galt unter den Rabbis, die mit ihren Schülern unterwegs waren und sie lehrten, wie man im Willen Gottes lebt, als Obergrenze maximal: dreimal vergeben – und dann ist auch gut.

Wenn du dreimal vergeben hast, dann ist das schon eine ganze Menge. Danach kannst du diese Beziehung wirklich quittieren: Ich bin raus, damit möchte ich nichts mehr zu tun haben.

Petrus ist schon so lange in der „Jesus-Schule“ unterwegs, dass er weiß: Bei Jesus ist immer mehr als üblich. Drei? Komm, ich gehe sofort auf sieben. Wir lachen vielleicht darüber, wenn wir diese Dynamik lesen und uns Zeit nehmen, zu bedenken, was in Petrus vorgegangen sein mag, wenn er so spricht.  Aber – wie der Norddeutsche sagt – Butter bei die Fische: Wer von uns ist bereit, einer Person siebenmal zu vergeben?

Ohne Witz, siebenmal, Petrus? Also ich finde, Petrus hat richtig hochgegriffen. Überleg einmal: Warst du in deiner Biografie mit Menschen konfrontiert, die dich getriggert haben? Es gibt doch so Typen, deren Anwesenheit – oder allein, wenn sie reden – einen unwahrscheinlich triggert. Es gibt sogar das Phänomen, dass man andere Menschen nicht riechen kann.

Wie riecht es heute Morgen hier? Vielleicht müssen wir gleich noch einmal lüften.

Und dann bist du konfrontiert. Okay, ich soll vergeben. Es gehört zur christlichen Art – das habe ich einmal gemacht. Hey, und wenn sich dann eine Person das Gleiche noch einmal leistet: So, zweimal – jetzt wird es brenzlig. Hey, mal ehrlich: Siebenmal?

Ich glaube, dass die Allerwenigsten, wenn wir mit Jesus dieses Gespräch führen würden, diese Zahl in den Raum stellen würden. Wir würden sagen: Lass uns lieber bei den dreimal bleiben, die die Rabbis hier um dich herum verzapfen. Das ist schon mehr als genug und mehr, als einem Menschen zumutbar ist. Aber Petrus ist gnädiger als ich – er geht auf die sieben.

Vers 22: Jesus spricht zu ihm: Ich sage dir: Nicht bis siebenmal, sondern bis siebzigmal sieben!

Einige Übersetzer sind sich nicht ganz einig. Sagt Jesus hier siebzig mal sieben oder siebzigmal siebenmal? Um welche Zahl geht es jetzt ganz genau? Siebenundsiebzig?

In der griechischen Konstruktion ist es etwas unklar, und die Ausleger streiten sich darüber, wie man diese Rechnung am besten auflösen soll.

Aber wer jetzt wirklich den Taschenrechner herausholt: Siebzig mal sieben gleich … Ah, vierhundertneunzig. Also, wer angefangen hat zu rechnen, hat bereits den ersten Fehler begangen.

Das ist nicht das, was Jesus von uns möchte. Auch wenn du sagst: Nein, er hat von siebenundsiebzigmal gesprochen und nicht von siebzig mal siebenmal. Diese Debatte führt uns ins Leere, denn es soll etwas zum Ausdruck bringen:

Hey, willst du jetzt wirklich anfangen – im Reich Gottes, dort, wo Jesus König ist, dort, wo seine Fußspuren unseren Weg vorzeigen – zu kalkulieren, wie es um Vergebung steht, oder was?

Egal, zu welchem Ergebnis du bei diesem griechischen Satz kommst – ob siebenundsiebzig oder vierhundertneunzig. Wenn du anfängst: Ja, aber bei achtundsiebzig oder bei vierhunderteinundneunzig, da kann ich dann machen, was ich will.

Mit diesem Satz möchte Jesus Petrus und seinen Freunden offenbaren, wie das Herz Gottes ist. Gott ist liebend und vergebend, und das Herz Gottes ist ganz anders als unser Herz. Jesus zeigt hier, dass es bei der vorherigen Lektion, die wir uns letzte Woche in demselben Kapitel angeschaut haben, nicht darum gehen kann, dass wir, wenn wir mit jemandem im Clinch liegen oder wirklich einen Vorwurf gegen jemanden haben, Wege finden müssen, uns von ihm zu distanzieren oder zu separieren.

Einige lesen das so, wenn sie die Lektion davor gelesen haben: Es geht darum, möglichst schnell das Haus zu reinigen. Alles raus aus meinem Leben, alles raus aus der Gemeinde, was jetzt nicht bei drei auf dem Baum sitz, damit möglichst alles clean ist und mich nicht irritiert.

Aber wenn wir diese Diskussion von Petrus und Jesus lesen, dann sehen wir, worum es Jesus wirklich geht: Wir sollen immer, immer, immer, immer neu bereit sein, zu lieben. Immer neu bereit sein, zu vergeben. Immer wieder neu bereit sein, den anderen anzunehmen – in seiner Gefallenheit, in seiner Schwachheit –, wenn er es erkennt und Veränderung in seinem Leben will. Auch wenn es ein langer Weg ist.

Wir kennen vielleicht diesen berühmten Vers, der häufig auf Hochzeiten gelesen wird – aus dem 1.Korintherbrief, Kapitel 13. Da heißt es in Vers 5: Liebe rechnet Böses nicht zu. Wir sagen das schnell und nehmen es auch gerne in Anspruch, wenn es um unsere bösen Handlungen geht. Aber wie sieht es aus, wenn uns Böses widerfährt? Liebe rechnet Böses nicht zu.

Kennst du in dir die Dynamik des Kalkulierens, des Addierens, wenn du es mit Menschen zu tun hast?

Wie ich es vorhin sagte: Das hat er sich doch schon einmal geleistet. Und noch einmal – er hat sich wieder an mir vergangen oder an anderen. Und das ist genau das, was Liebe nicht tut. Liebe addiert nicht. Liebe rechnet das Böse nicht zu, führt nicht Buch darüber, welches Versagen in der Vergangenheit da war – was aber eigentlich schon ausgeräumt wurde, wo man einander vergeben hat.

Und das ist dann sehr offenbarend, wenn man in Konfliktgesprächen ist – wo man eigentlich Dinge schon durchdekliniert und vergeben hat. Und plötzlich hört man von dem anderen: Aber damals hast du …

Oh Moment, meinst du das damals, für das du mir schon vergeben hast? Wollen wir über das damals reden? Ja, das muss ich jetzt noch einmal hervorholen. Okay, was war das dann damals? Hattest du mir vergeben oder nicht? Was war das eigentlich?

Liebe rechnet Böses nicht zu.

Und diese allumfassende und nie endende Vergebung, von der Jesus hier spricht, ist in einer Hinsicht besonders notwendig. Die Lebenswirklichkeit zeigt uns, dass Vergebung häufig mehr als ein einmaliges Erlebnis ist.

Schau, wenn du mit jemandem zu tun hast, mit dem du ein Problem hast – ich habe in der letzten Woche sehr eifrig über diese Passage gesprochen: Klär die Dinge – Ja, ein paar Tage später bekomme ich eine Nachricht: Waldemar, du hast doch gepredigt, wir müssen da etwas klären.

Da dachte ich: Mist, jetzt trifft das Wort Gottes auf mich zu.

Ich dachte, wenn man hier vorn steht, dann ist man safe. Man predigt zu den anderen. Das denke ich natürlich nicht – falls einige jetzt zu Hause denken: Der denkt das wirklich. Nein, das tue ich nicht.

Aber es ist schon demütigend, wenn du so hinaushaust, und ein paar Tage später sagt jemand: Deine Predigt hat mich an etwas erinnert, und wir müssen über dein Verhalten reden. Ups. Okay, lass uns reden.

Wir müssen verstehen, dass hier niemand über dem Standard Jesu steht. Amen? Wir sitzen alle im selben Boot – egal, welches Amt du bekleidest, egal, wie studiert du bist, egal, wie viele Bibelverse du zitieren kannst.

Und hier gibt es einige in den Reihen, die viel mehr Bibelverse zitieren können als ich. Aber wir sind alle unter dem gleichen Standard Jesu unterwegs.

Und plötzlich kommt die Konfrontation, das Gespräch. Oh weia, was wird da herauskommen? Ja, was ist da herausgekommen? Versöhnung, Vergebung.

Aber: Ich habe gesagt, dass diese nie endende Vergebung, von der Jesus spricht, in einer Hinsicht wichtig ist. Warum? Man kann dieses Gespräch führen, Dinge klären und einander Vergebung zusprechen. Aber das Dilemma ist: Wir sehen uns wieder.

Die Person, mit der du den Konflikt hattest, wirst du mit hoher Wahrscheinlichkeit wiedersehen. Und unsere Erinnerung kann sehr stark sein.

Du hast gesagt: Ich vergebe dir, und du meinst es auch so. Aber in den nächsten Situationen – je nachdem wie intensiv das Erlebnis war, und einige haben sehr intensive Dinge erlebt – kocht es wieder hoch. Hey, es ist ein Kampf, diese Vergebung aufrechtzuerhalten und das niederzudrücken, was dich triggert, damit es in deiner Seele nicht groß wird.

Wer kennt das? Okay, einige Heilige sind noch unter uns. Am Ende der Predigt wird sich das ändern.

Es ist nicht nur so, dass ich die Person wiedersehe. Wir wissen, dass es möglich ist – wie eben gesagt –, dass diese Person sich auf dieselbe Art und Weise noch einmal versündigt. Vielleicht ganz unbewusst.

Einmal ein Gespräch führen, und jetzt wird nie wieder etwas zwischen uns passieren? So funktioniert das christliche Leben nicht. So funktioniert überhaupt kein Leben nicht.

Wir wissen auch, dass Menschen sehr zähe Wesen sein können – also ignorant. Nicht, dass das Fleisch zäh ist, sondern dass die Personen wirklich einen zähen Charakter haben. Boah, manchmal denkst du: Wir haben gerade darüber gesprochen und diese Person bereut es zwar, aber sie hat noch keinen Weg gefunden, das in ihrem Leben zu überwinden.

Wir müssen nicht lange nachdenken, und jeder von uns weiß sofort, von wem ich rede. Wen meint er? Jeder von uns hat Menschen in seinem Leben, die so sind. Und wenn jeder solche Menschen kennt, bedeutet das mit einer hohen Wahrscheinlichkeit, dass auch wir selbst manchmal diese Person sind – die in bestimmten Dingen solche Charakterschwächen hat.

Oh Mann, und dann leistet er sich das wieder.

Ich habe in dem Gespräch, das ich diese Woche hatte, auch gesagt: Hey, das tut mir leid. Ich kann dir nicht versprechen, dass bis zur Wiederkunft Christi nie wieder etwas passiert. Das müssen wir uns auch sagen, denn genau um diese Facette geht es hier. Einmal vergeben – und dann ist immer alles happy?

Wie gesagt: Wir triggern uns manchmal unweigerlich. Manchmal berühren wir Punkte in der Seele des anderen. Und Jesus sagt: Die Rabbis erzählen von dreimal – das ist zu wenig. Petrus, deine siebenmal sind auch zu wenig. Im Reich Gottes brauchen wir ein neues Prinzip.

Wir brauchen eine immerwährende Vergebung. Wir brauchen eine immerwährende Liebesausschüttung unter den Kindern Gottes.

Und diese Forderung ist natürlich eine Überforderung. Sie ist eigentlich übermenschlich.

Jesus spricht jetzt weiter, um zu erklären, wie es möglich sein kann, dass wir, die Christus folgen, sicherstellen können, auf diese Weise einander zu vergeben.

In Verse 23 bis 27 beginnt Jesus mit diesem Gleichnis: Deswegen ist es mit dem Reich der Himmel wie mit einem König, der mit seinen Knechten abrechnen wollte. Als er aber anfing abzurechnen, wurde einer zu ihm gebracht, der zehntausend Talente schuldete. Da er aber nicht zahlen konnte, befahl der Herr, ihn und seine Frau und die Kinder und alles, was er hatte, zu verkaufen und damit zu bezahlen. Der Knecht nun fiel nieder, bat ihn kniefällig und sprach: Herr, habe Geduld mit mir, und ich will dir alles bezahlen. Der Herr jenes Knechtes aber wurde innerlich bewegt, gab ihn los und erließ ihm das Darlehen für die Schuld.

Mit diesem Gleichnis, das Jesus jetzt erzählt, räumt er mit einer Lüge auf, die wir in unserer Kultur sehr stark etabliert haben und auch als Christen immer, immer, immer wiederholen. Dieser Satz lautet: Jeder hat eine zweite Chance verdient. Jeder hat eine zweite Chance verdient – ja, das sagen wir so. Aber ist das die Wahrheit? Haben wir eine zweite Chance verdient?

Ist es das, was Jesus weitergegeben hat? Unsere Kultur ist ja immer noch sehr stark von christlichen Werten geprägt. Aber ist das die Kultur des Reiches Gottes – in der der König regiert –, dass jeder eine zweite Chance verdient hat?

Meine Lieben, Gnade und Vergebung sind keine Kategorie von Verdienst. Gnade ist ein freies Geschenk, aber nicht etwas, worauf ich mich berufen und sagen kann: Das steht mir zu, das gehört mir.

Gnade ist keine Unterkategorie von Gerechtigkeit. Entweder du willst Gerechtigkeit oder du willst Gnade. Wenn es allein nach der Gerechtigkeit geht, dann reden wir nicht von Vergebung. Wenn wir davon sprechen, was wir verdient haben, dann geht es nicht um die zweite Chance, sondern um Rache und Vergeltung.

Das ist es, was wir verdient haben. Das ist es, was Schuld produziert: Wiedergutmachung.

Und das ist das Prinzip, das Jesus beschreibt: Der König hat einen Anspruch. Und wenn er will, sagt er: Diese Schuld kannst du nicht tilgen, und darum wirst du dafür bezahlen. Und er sagt nicht: Na ja, du hast doch eine zweite Chance verdient. Gnade steht dir zu.

Das ist es nicht. Das, was uns zusteht, ist Gerechtigkeit, und Gerechtigkeit bedeutet Vergeltung. Gerechtigkeit bedeutet Rache.

Wenn Gott sich entscheiden würde, nur in Gerechtigkeit zu handeln, dann gäbe es niemanden von uns, der gegen Gott aufbegehren und sagen könnte: Nein, nein, bei mir sieht das gänzlich anders aus.

Wenn Gott mit Gerechtigkeit kommt, ist da niemand mehr, der sagen könnte: Na ja, aber in meinem Fall sieht Gerechtigkeit so aus, dass du mir gnädig sein musst, wenn du mich anschaust.

Weil diese Botschaft heutzutage auch in christlichen Kirchen hart umkämpft ist – und ich hier auch nicht jeden kenne –, möchte ich gerne aus Römer 3 lesen, damit wir die Worte Gottes über unseren Zustand hören, wenn es um Gerechtigkeit geht und in welcher Kategorie Gnade überhaupt spielt.

Römer 3, Verse 10 bis 19. Hier zitiert der Apostel Paulus aus dem Alten Testament: … wie geschrieben steht: Da ist kein Gerechter, auch nicht einer; da ist keiner, der verständig ist; da ist keiner, der Gott sucht.

Noch einmal. Wenn du sagst: Moment, aber ich schon. Gottes Wort sagt: Da ist kein Gerechter, auch nicht einer. Aber vielleicht ich – nicht einer. Aber unser Pastor – nicht einer. Können wir das gemeinsam sagen: Nicht einer. Da ist keiner, der verständig ist; da ist keiner, der Gott sucht. Alle sind abgewichen, sie sind allesamt untauglich geworden; da ist keiner, der Gutes tut, da ist auch nicht einer.

Aber haben Menschen nicht auch gute Taten getan? Selbstverständlich. Aber das ist nicht das, worum es hier geht. Es geht um unser gesamtes Ergebnis. Was wir aus Gottesferne heraus produzieren, reicht niemals an den Standard heran, den Gott setzt.

Warum? Weil Gott vollkommen heilig, vollkommen gut und vollkommen rein ist. Selbst unsere besten Motive, die wir an den Tag legen, sind befleckt. Selbst unsere besten Werke und besten Taten sind nicht vollkommen rein.

Verse 12 bis 19: Alle sind abgewichen, sie sind allesamt untauglich geworden; da ist keiner, der Gutes tut, da ist auch nicht einer. Ihr Schlund ist ein offenes Grab; mit ihren Zungen handelten sie trügerisch. Viperngift ist unter ihren Lippen. Ihr Mund ist voll Fluchens und Bitterkeit. Ihre Füße sind schnell, Blut zu vergießen; Verwüstung und Elend ist auf ihren Wegen, und den Weg des Friedens haben sie nicht erkannt. Es ist keine Furcht Gottes vor ihren Augen. Wir wissen aber, dass alles, was das Gesetz sagt, es denen sagt, die unter dem Gesetz sind, damit jeder Mund verstopft wird und die ganze Welt dem Gericht Gottes verfallen ist.

Das ist eine harte Packung, was Gottes Wort hier sagt, damit wir unseren Ausgangspunkt gut verstehen.

Wir kommen zur Liebe, wir kommen zur Gnade, aber damit du das richtig einordnest: Das ist nichts, was in dir begründet ist. Das ist nichts, worauf du sagen könntest: Weil ich verdient habe, erlange ich Gnade.

Ich habe vor ein paar Tagen einen kurzen Ausschnitt gehört, in dem ein Journalist mit Donald Trump, dem  zukünftigen US-Präsidenten, gesprochen hat. Er läuft ja oft mit Bibeln herum und supportet damit die christliche Community, weshalb er viel Rückhalt unter Christen hat. Ich möchte hier nicht politisch werden, falls einige anfangen, die „politischen Fäuste“ aus den Taschen zu holen.

Aber ich fand eine ganz spannende Geschichte: Es ist ja schön, dass er sich für die Rechte der Christen und für christliche Werte einsetzt. Doch der Interviewpartner hat ihn gefragt, ob er an den Himmel glaubt.

Seine Antwort war: Ja, ich glaube an den Himmel. Und ich glaube, dass der Himmel für gute Menschen ist. Und wenn ich gut lebe, dann komme ich in den Himmel. Und wenn ich nicht gut lebe, dann komme ich in die Hölle. Und ich glaube, dass ich in den Himmel komme.

Das glaube ich, dass der das glaubt.

Aber meine Lieben, das ist nicht die Botschaft, von der wir hier lesen. Ja, es ist wahr, dass der Himmel für gute Menschen ist, aber wer ist gut? Auch nicht einer. Und falls es für dich eine Überraschung sein sollte: Auch nicht Donald Trump. Und ich hoffe, dass er nicht ein Standard von „gut“ ist.

Er hat einfach das Wesen des Evangeliums nicht verstanden. Es ist pure Religion. Ich verdiene mir den Himmel, und ich bin dazu aus mir heraus in der Lage.

Und viel zu häufig nistet sich dieses Gedankengut auch unter uns Christen ein.

– Ich bin vom Weg abgekommen. Ich bin gerade ein verlorenes Schaf. –

Römer 3, Vers 23: … denn alle haben gesündigt und erlangen nicht die Herrlichkeit Gottes. Auch nicht Donald Trump.

Das ist der Ausgangspunkt. Und die Reaktion des Schuldigen ist aufschlussreich – wie bei dem Schuldigen in Matthäus 18.

Kommen wir zurück zu unserem Text.

Wie reagiert der Knecht, überwältigt von dem Urteil über seine Schuld? Es heißt in Vers 26: Der Knecht nun fiel nieder, bat ihn kniefällig und sprach: Herr, habe Geduld mit mir und ich will dir alles bezahlen.

Es ist spannend, worum er bittet. Er bittet nicht um Begnadigung. Er bittet nicht darum, dass ihm die Schuld vergeben wird. Dieser Mann bittet um Geduld.

Er möchte eine verzögerte Gerechtigkeit: Sei du gerecht, aber noch nicht jetzt. Gib mir noch etwas Zeit.

Womit haben wir es hier zu tun? Ein Mann, der Zehntausend Talente schuldete. Um Himmels willen, was ist das überhaupt für eine Summe? Das können wir heute kaum greifen – was bedeutet „zehntausend“, und was ist ein „Talent“?

Ein „Talent“ war die höchste bekannte Währungseinheit der damaligen Zeit. Es ist die größte Einheit, die es gab. Der Begriff „zehntausend“ ist die höchste Zahl, die die alte griechische Sprache zu bieten hatte.

Im Prinzip ist es ein bildlicher Vergleich: In jeglicher Superlative hat sich dieser Mann verschuldet. Seine Schuld ist so hoch, dass wir gar nichts Höheres nennen können als zehntausend Talente.

Jesus konnte keine andere Summe nennen, die darüber hinausgeht. Er ist bankrott, er ist komplett ruiniert.

Und als der Schuldner mit dem König spricht, redet er sich ein, dass er in der Lage wäre, seine unermesslich große Schuld eines Tages begleichen zu können. Das ist sein Denken über sich selbst.

Er hat seinen Zustand noch nicht erkannt. Einfach Geduld ist nicht das, was ihm hilft.

Er denkt: Das Einzige, was ich benötige, ist noch mehr Zeit, um dir, König, zu beweisen, dass ich es aus eigener Kraft kann.

Wie viele Menschen leben genau so? Ja, ich weiß, wo meine Fehler sind. Aber gib mir einfach nur etwas Zeit, damit ich dir und allen anderen beweisen kann, dass es nicht so schlimm um mich steht. Dass ich selbst aus meiner Misere herauskomme. Dass ich mich trotz meiner Selbstverschuldung doch noch als Gerechter präsentieren kann.

Sodass ich in einem Interview sagen kann: Ich glaube an den Himmel, und da komme ich auch hin.

Wir denken zu häufig, dass wir unsere Sünde und unser Versagen mit unserer Leistung und einer eigenen Gerechtigkeit aufwiegen könnten.

Und Jesus zerstört dieses Denken komplett. So lebt man im Reich Gottes nicht in Harmonie mit dem König. Wer so denkt, versteht das Herz des Königs nicht. Er kennt das Herz des Königs gar nicht.

Vers 27 sagte: Der Herr jenes Knechtes aber wurde innerlich bewegt, gab ihn los und erließ ihm das Darlehen.

Er war schuldenfrei. Du brauchst nicht mehr Zeit. Du brauchst nicht mehr Gelegenheiten, um dir, deinem Partner, deiner Familie, der Gemeinde, der Welt zu beweisen, wie gut du doch eigentlich bist – innerlich.

Du benötigst viel mehr, als du dir vorstellen kannst. Und das ist nicht Zeit. Du benötigst etwas, was der König dir gibt, ohne dass der Schuldige darum gebeten hat. Und das ist Gnade.

Er hat ihm Gnade und Vergebung gegeben – etwas, was der Schuldige überhaupt nicht auf der Kette hatte. Du brauchst etwas, was du dir selbst nicht geben kannst. Etwas, was viel zu wunderbar für dich ist. Etwas, was unerreichbar ist für dich. Und das ist Gnade.

Gnade ist nichts, das ich mir auf gerechte und legitime Art und Weise verdienen könnte. Aus mir heraus ist nichts zu holen. Ich bin bankrott. Ich kann jetzt nicht mehr, und ich werde auch nicht mehr können.

Herr, sei mir Sünder gnädig, und nicht geduldig.

Ich brauche von Gott keine Geduld. Ich brauche sein Erbarmen. Und darum ist das, was den König zur Vergebung bewegt, auch nicht: Ich sehe in dir etwas, das Potenzial hat, besser zu werden, und darum begnadige ich dich. Sondern es heißt: Er wurde innerlich bewegt.

Das, was dir die Vergebung des Königs sicherstellt, ist nichts, was der König außerhalb sehen kann. Das spielt sich allein in dem Herzen des Königs ab.

Gott, du bist mir gnädig. Warum? Habe ich das verdient? Warum ausgerechnet ich? Was hast du in mir gesehen?

Lieber Waldemar, ich habe nichts in dir gesehen. Warum bin ich dir gnädig, Waldemar? Ich bin innerlich bewegt und ich bin barmherzig von Herzen. Darum gebe ich dir Vergebung.

Meine Lieben, das ist Gnade. Und vielleicht verstehen wir jetzt, dass Gnade keine Unterkategorie von Gerechtigkeit ist. Das sind zwei komplett getrennte Paar Schuhe.

Okay, wir müssen weiterkommen.

Verse 28 bis 30: Jener Knecht aber ging hinaus und fand einen seiner Mitknechte, der ihm hundert Denare schuldig war. Und der ergriff und würgte ihn und sprach: Bezahle, wenn du etwas schuldig bist! Sein Mitknecht nun fiel nieder und bat ihn und sprach: Habe Geduld mit mir, und ich will dir bezahlen. Er aber wollte nicht, sondern ging hin und warf ihn ins Gefängnis, bis er die Schuld bezahlt habe.

Wir haben es hier mit jemandem zu tun, der die Botschaft der Gnade gehört, aber nicht verstanden hat, dass es Gnade war. Er hat die Gnade, die er erlebte, als selbstverständlich angesehen.

Das ist das, was mir zusteht. Das ist das, was ich verdiene, wenn man sich mein Leben anschaut.

Und wer die Gnade Gottes als selbstverständlich betrachtet, sie damit verachtet und nicht permanent vor Augen hat, wird genau diese Haltung an den Tag legen, die uns viel zu häufig in unserem Miteinander bestimmt.

Statt dem anderen auch „zehntausend“ – Superlative –„Talente“ – Superlative – zu erlassen, nageln wir ihn auf hundert Denare fest.

Worum geht es hier? Es geht hier um ein Tausendstel Prozent von dem, was der Knecht an Gnade erfahren hat. Ein tausendstel Prozent ist das, woran ich mich klammere, woran ich festhalte und den anderen festnagle, weil er so mit mir umgegangen ist.

Anstatt demütig Gnade walten zu lassen, sind wir bereit, den anderen zu ergreifen, zu würgen und einzusperren. Natürlich macht das niemand physisch von uns. Dafür sind wir viel zu artig erzogen. Und doch kann unser Miteinander in genau dieser Weise stattfinden, dass wir anderen Menschen die Luft zum Atmen rauben und ihnen ihre Verfehlungen immer wieder vorhalten – sodass sie sich am Ende in einem Zustand wiederfinden, der einem Gefängnis voller Unfreiheit gleicht.

Und erkennen wir die Wortwahl des Mitknechts? Sie ist zweimal genau die gleiche: Habe Geduld mit mir, und ich will dir bezahlen.

Das sagt auch der, der nur hundert Denare – ein Tausendstel Prozent – schuldet. Er ist auf der gleichen Ebene, aber er erfährt nicht das Gleiche, was der erste Knecht sehr gerne angenommen und genossen hat.

Es heißt hier von diesem unbarmherzigen Typen: Er aber wollte nicht. Er wollte kein Erbarmen haben. Er wollte nicht geduldig sein. Er wollte nicht.

Das bedeutet, er hat sich geweigert, von seiner Forderung abzulassen.

Prüf dich bitte genau an diesem Punkt. Denn darum dreht sich die ganze Geschichte. Prüf dich bitte genau an diesem Punkt: Wo gibt es in dir eine Weigerung, abzulassen und die Schuld des anderen festzuhalten – obwohl die Person sich eigentlich danach sehnt, von der Schuld losgesprochen zu werden – aber du hältst daran fest.

Wenn wir nicht Dankbarkeit und Demut aufgrund der Gnade Gottes entwickeln, wird das dazu führen, dass die Schuld des anderen so viel Macht in meinem Leben hat, dass sie mich komplett beherrscht und mein ganzes Denken, mein ganzes Handeln vollends verzerrt.

Dann befinde ich mich in einem Modus, der nicht von dem König beherrscht wird, sondern von der Schuld, die ich erfahren habe. Und das passiert, wenn wir vergessen, welche Gnade Gott mit uns hatte.

Egal, was du erlebt hast, egal, was dir angetan wurde – ich kenne hier zu viele, um das leichtfertig zu sagen – das ist im Vergleich zu dem, was dir in Jesus Christus vergeben wird, nur ein Tausendstel Prozent.

Bei aller Berechtigung, die du hast, zu sagen: Hier ist Unrecht geschehen. Dieser Text beschreibt nicht, dass wir fünf gerade sein lassen sollen, sondern dass wir das Verhältnis erkennen sollen: Egal, was mir angetan wurde, im Vergleich zu dem, was Gott mir vergeben will, handelt es sich nur um ein Tausendstel Prozent.

Frage dich: Hat Bitterkeit in dir schon so viel Macht und Kraft gewonnen, dass sie dein Handeln bestimmt und deinen Mitmenschen den Lebensatem raubt?

Vers 31: Als aber seine Mitknechte sahen, was geschehen war, wurden sie sehr betrübt und gingen und berichteten ihrem Herrn alles, was geschehen war.

Wir halten uns nicht lange bei diesem Vers auf. Ich möchte damit nur erinnern, was wir bereits in der letzten Woche hatten: Jesus greift hier genau dieses Motiv wieder auf: Wenn wir in Sünde handeln, hat das einen Effekt auf andere, die uns zuschauen. 

Merkt ihr das? Die anderen sehen das. Wie ich handle, ist nicht einfach nur etwas, was ich für mich in meinem eigenen Recht verbuche, sondern mein Fehlverhalten hat einen Effekt auf andere.

Im Text davor: Im schlimmsten Fall hat es eine Wirkung, eine Infektion auf andere, die dazu führt, dass sie ebenso handeln wie ich. Und zumindest, wie es hier heißt, wurden die Mitknechte sehr betrübt über dieses Verhalten.

Wenn ich in Ungnade handle, dann macht das etwas mit meinen Mitbrüdern und Mitschwestern. Das betrübt sie. Das macht sie traurig. Sie sind besorgt. Sie sind bekümmert über das, was passiert.

Und es heißt hier: Sie gehen zu ihrem Herrn. Auch hier ist es die gleiche Dynamik wie im Text zuvor. Hey, wenn jemand nicht hören will, wenn jemand ignorant ist, dann klärt das in der Anwesenheit Gottes, damit es hier zu einer Separation kommt. Und genau das tun diese Mitknechte: Sie wenden sich an den Herrn.

So geht das nicht. Das sind nicht die Spielregeln, die Jesus, unser Herr und Retter, aufgestellt hat.

Also beachte: Unversöhnlichkeit wirkt sich nicht nur negativ auf dich aus, nicht nur negativ auf deinen Schuldner, sondern auch auf die Menschen, mit denen du verbunden bist.

Bitterkeit ist eine sehr, sehr, sehr, sehr perverse Angelegenheit und treibt so viele in den Ruin. Ganze Familien wurden in den Ruin getrieben, weil Menschen bitter waren, bitter blieben und nicht vergeben haben.

Verse 32 und 33. Da rief ihn sein Herr herbei und spricht zu ihm: Böser Knecht! Jene ganze Schuld habe ich dir erlassen, weil du mich batest. Solltest nicht auch du dich deines Mitknechtes erbarmt haben, wie auch ich mich deiner erbarmt habe?

Wir lesen diese zwei Verse noch einmal, weil sie das ganze Geheimnis lüften, wie wir in die Lage versetzt werden können, Menschen siebenmal siebzigmal zu vergeben. Hier liegt das Geheimnis:

Da rief ihn sein Herr herbei und spricht zu ihm: Böser Knecht! Jene ganze Schuld habe ich dir erlassen, weil du mich batest. Solltest nicht auch du dich deines Mitknechtes erbarmt haben, wie auch ich mich deiner erbarmt habe?

Aus uns selbst heraus ist Vergebung nicht möglich. Wir sind manchmal noch nicht einmal in der Lage, einem Menschen „hundert Denare“ zu vergeben.

Wir sind jedoch dazu fähig, die kleinsten Kleinigkeiten, die uns geschehen, in unserem Herzen so hochzurechnen, dass wir Hass, Groll oder Zorn gegen den anderen entwickeln.

Aber hier zeigt Jesus das Geheimnis: Allein die erfahrene Realität der Güte Gottes gibt uns die nötige Kraft, einander mit Erbarmen zu begegnen.

Nur wer in der Gnade Gottes badet, wer in der Vergebung Gottes atmet, ist in der Lage, auf diese Weise zu vergeben, wie Jesus es von seinen Jüngern fordert.

Jesus, das ist übermenschlich. Das ist eine solche Überforderung. Ja, ich weiß, es ist übermenschlich, denn aus dir selbst kannst du es nicht tun. Genau darum musst du an mir angeschlossen sein und die Vergebung und Liebe von mir beziehen. Und wenn deine Augen auf mich gerichtet sind, dann wirst du in der Lage sein, aus einer Kraft zu handeln, die nicht deine ist.

Wenn du dich fragst: Wie soll ich vergeben können? Wie kann ich hier vergeben? Das ist menschlich gesehen unmöglich. Jawohl, richtig! Und wenn das unsere einzige Möglichkeit ist, dann können wir das Seelsorgegespräch auch beenden.

Die einzige Möglichkeit ist, dass wir zurück zum Kreuz gehen, dass wir dorthin gehen, wo wir die Gnade gesehen haben, dass Jesus Christus uns vergibt und dass Christus uns liebt.

Das hat mir so gefallen an der Kleingruppe, die sich vorhin vorgestellt hat, die Ladys. Habt ihr gehört, wie häufig sie davon gesprochen haben – von Christus, von der Kraft seines Blutes, die Dinge zum Kreuz zu bringen?

So muss eine Gemeinschaft aussehen. So muss eine Gemeinschaft aussehen, die von dem durchtränkt ist, was Jesus Christus für uns getan hat.

Lukas 6, Vers 36: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!

Ohne den zweiten Teil hätten wir nur eine Gesetzespredigt, die uns erschlägt: Seid barmherzig. Punkt.

Ja, wie denn? Wie auch euer Vater barmherzig ist.

Ah, ich empfange Barmherzigkeit. Mir wurde vergeben. Und aus dieser Haltung heraus bin ich in der Lage, als Kind des Vaters zu handeln und die DNA meines Vaters weiterzugeben an den anderen, der mich gerade traktiert.

Epheser 4, Vers 32. Seid aber zueinander gütig, mitleidig, und vergebt einander, so wie auch Gott in Christus euch vergeben hat!

Diese Verse sind nicht einfach so zum Spaß geschrieben. Wenn du denkst, Gemeinde oder Kirche sei nur ein netter Club, wo man immer gute Laune und immer viel Spaß miteinander hat, um gemeinsame Pläne zu realisieren – nein.

Die Gemeinde ist ein Ort, an dem etwas notwendig ist: Gütig sein, mitleidig sein, einander vergeben.

Warum? Weil wir es in unserem Miteinander nötig haben. Weil wir uns aneinander reiben – und das tut manchmal echt weh.

Aber wir sollen in diesem Miteinander auch die Güte Gottes kennen und aus der Vergebung, die wir in Christus gefunden haben, diese auch weitergeben. Und nur Menschen, die einen tiefen Schluck des Evangeliums getrunken haben, können leuchtende Beispiele dieser übermenschlichen Vergebung sein.

Hört mich! Wir werden einen Unterschied in dieser Welt machen, als Kinder Gottes, wenn wir das Evangelium trinken. Wenn wir das Evangelium essen, was wir gleich im Abendmahl tun werden.

Abendmahl ist kein schnelles Essen und Trinken – und fertig. Sondern wir legen uns komplett in das hinein, was Christus getan hat – in seine Liebe und seine Vergebung, um diese zu empfangen und weiterzugeben.

Wir müssen eigentlich zum Schluss kommen, aber ich möchte noch eine Sache sagen, bevor wir uns die letzten Verse anschauen.

Das Thema Vergebung ist ein komplexes Thema, darüber kann man Bücher schreiben.

Diejenigen, die einmal eine Seelsorgeausbildung gemacht haben, wissen: Eine Predigt reicht dazu nicht. Aber ein Aspekt ist mir wichtig, damit keine Irritation in mancher verletzten Seele entsteht.

Wenn man von Vergeben spricht, gibt es in unserem Alltag eine sprichwortartige Floskel, die sich leider auch in die christliche Kirche hineinmanövriert hat: „Du sollst vergeben und vergessen.“

Wer hat das schon einmal gehört, diese zwei Worte miteinander verbunden: vergeben und vergessen?

Wir sollen vergeben und vergessen. Und einige denken: Vergeben bedeutet, die Schuld, die mir angetan wurde, zu vergessen. Und leider wird dazu ein Bibelwort verwendet – und aus meiner Sicht auch missbraucht.

In Jeremia 31, Vers 34 lesen wir von der neuen Ära, die durch Christus eingeläutet wird. Dort heißt es: Dann wird nicht mehr einer seinen Nächsten oder einer seinen Bruder lehren und sagen: Erkennt den HERRN! Denn sie alle werden mich erkennen, von ihrem Kleinsten bis zu ihrem Größten, spricht der HERR. Denn ich werde ihre Schuld vergeben und an ihre Sünde nicht mehr denken. Okay?

Ah, der HERR vergibt – und der HERR vergisst. Und weil er das tut, müssen wir auch vergessen, wenn an uns gesündigt wurde.

Bitte habt Folgendes im Herzen und vergesst es niemals: Gott leidet nicht an Gedächtnisstörung.

Gott vergisst nicht einfach Dinge. Gott, weißt du noch, was ich damals gemacht habe? Nein, daran kann ich mich nicht mehr erinnern.

Ah, ich dachte, du bist allwissend, Gott … Nein, ich habe vergeben und vergessen.

Also, was soll das? Das ist doch nicht das, was der Vers sagt.

An etwas nicht zu denken bedeutet doch nicht, etwas zu vergessen. Ich weiß es sehr wohl, aber ich entscheide mich dafür, nicht aktiv daran zu denken. Mich nicht davon bestimmen zu lassen. Meine zukünftigen Taten und wie ich dir begegne, nicht davon beeindrucken zu lassen.

Ich weiß sehr wohl, welche Sünde ich ins äußerste Meer geworfen habe. Aber ich gehe nicht an diesen Ort, um sie wieder herauszuholen.

Meine Lieben, wenn Menschen sich gegen mich versündigt haben – na gut, oft vergesse ich es tatsächlich – aber das hat etwas mit meiner Gedächtnisstörung zu tun. Doch bei manchen Dingen, ui, da weiß ich es noch, als wäre es gestern gewesen.

Und einige haben dann einen extremen Druck und sagen: Ich habe nicht vergeben, weil ich mich noch daran erinnere.

Meine Lieben, glaubt dieser Lüge nicht. Nur, weil du dich an etwas erinnerst, heißt das nicht, dass du nicht vergeben hast.

Entscheidend ist, wie du mit dieser Erinnerung umgehst. Wenn du sagst: Das ist mir widerfahren, doch ich entscheide mich dazu, dieses Unrecht, nicht meine Taten bestimmen oder mein Denken über diese Person kontrollieren zu lassen. Ich lege es aktiv ab und überlasse es Gott, meine Rechtssache zu erledigen.

Und wenn diese Person nicht umkehrt und keine Gnade bei Gott sucht, dann ist die Rache nicht meine, sondern Gottes Sache.

Gott wird die Vergeltung üben und nicht ich.

Wir haben leider keine Zeit, jetzt in Römer 12 hineinzugehen. Bitte schreibt euch auf: Römer 12, ab Vers 17 – unbedingt lesen, das ist elementar für dieses ganze Thema.

Also: Wir vermischen diese Ebenen nicht. Und deshalb bekommen wir auch keine Zweifel, ob wir vielleicht nicht vergeben haben, nur weil wir uns daran erinnern.

Ganz im Gegenteil: Wenn wir Menschen, die schweren Missbrauch erlebt haben, sagen: Du musst vergeben und vergessen, dann legen wir ihnen zusätzlich eine Last auf die Seele, an der sie zerbrechen müssen.

Sollten wir nicht tun. Sollten wir nicht tun.

Okay, wer gibt mir noch eine Minute? Eins, zwei … oh, das sind zwanzig Minuten – dreißig. Ich liebe diesen Trick. Von Zeit zu Zeit hole ich ihn aus meiner Tasche.

Okay, wir kommen aber jetzt wirklich zum Schluss. Passt auf: Wie beendet Jesus das Gleichnis? Verse 34 und 35: Und sein Herr wurde zornig und überlieferte ihn – den unbarmherzigen Knecht – den Folterknechten, bis er alles bezahlt habe, was er ihm schuldig war. So wird auch mein himmlischer Vater euch tun, wenn ihr nicht ein jeder seinem Bruder von Herzen vergebt.

Herr Jesus, das ist ein echt krasser Abschluss.

Ich weiß nicht, ob du an solche Worte denkst, wenn du über Jesus nachsinnst, wie er vom himmlischen Vater gesprochen hat. Das ist eine sehr, sehr ernste Angelegenheit, wie Jesus hier über seinen himmlischen Vater spricht.

Warum? Weil die Gnade von Gott keine billige Gnade ist. Das lässt er sich etwas kosten. Das ist teuer erkauft, teuer bezahlt. Das ist nicht nichts.

Das, was Jesus am Kreuz getan hat, stellvertretend für uns, das war nicht: Komm, ich habe nichts Besseres zu tun, lass mich mal ans Kreuz. Und wir reden nicht nur von Nägeln in Händen und Füßen – das hätte für mich bereits gereicht. Es ging hier um den Zorn Gottes, den Jesus abgetragen hat, die Gottverlassenheit, die Jesus durchlebt hat.

Das war ein heftiger Preis. Und deswegen redet Jesus auch so ernst, damit wir mit unserer Unversöhnlichkeit, Unvergebenheit und Bitterkeit nicht so läppisch daherkommen.

Es ist im Prinzip ein Plädoyer, das uns zuruft: Es scheint dir vielleicht attraktiv zu sein, im gegenwärtigen Moment an deiner Unversöhnlichkeit festzuhalten, weil sie dir eine Stabilität und Sicherheit gibt und dich bestätigt.

Und außerdem denken wir: Zu vergeben verlangt so viel von mir ab. Ist es nicht so? Vergebung verlangt so viel von uns.

Aber Jesus lehrt uns: Wenn wir nicht vergeben, wird noch viel mehr von uns abverlangt – und zwar alles, was wir haben.

Nicht nur unser derzeitiges Sicherheitsgefühl, das wir umklammern, sondern unsere ganze Existenz steht auf dem Spiel.

Nämlich: Wenn wir nicht vergeben, dann sperren wir nicht nur den anderen in ein Gefängnis – im Hier und Jetzt – sondern Jesus sagt es ganz deutlich: Wir berauben uns unserer Freiheit und werden am Ende selbst in einem Gefängnis landen.

Aber nicht nur im Hier und Jetzt. Unser Verhalten hat dann ewige Konsequenzen.

Wie wir heute miteinander umgehen, hat seine Konsequenz in der Ewigkeit.

Petrus hat diese Geschichte begonnen: Herr, wie oft? Wie oft muss ich jemandem vergeben? Komm, ich mache dir einen Vorschlag: schlag ein. Ich bin ein Dealmaker: siebenmal.

Siebenmal? Siebzigmal, mein Freund. Im Reich Gottes gibt es einen anderen Standard. Und der allererste, der diesen Standard erfüllt, meine Lieben, ist Jesus Christus selbst.

Darum feiern wir auch gleich Abendmahl, weil wir alle schon mehr als vierhundertundneunzig Mal zu diesem Jesus gegangen sind und gesagt haben: Erbarme dich, Herr. Habe Gnade mit mir, du siehst mein Leben, und ich brauche Erneuerung. Ich brauche erneut die erfrischende Kraft des Blutes, das du am Kreuz vergossen hast.

Und darum feiern wir auch gleich Abendmahl.

Bevor wir das tun, möchte ich, dass wir Folgendes machen: Wir werden jetzt einen Moment der Stille haben. Das sind wir hier nicht gewohnt, aber lasst uns einfach mal einen Moment der Stille nehmen, in der wir nicht darüber nachdenken, wann diese Stille aufhört oder wann links oder rechts jemand etwas sagt.

Lasst uns für einen Augenblick diese Zeit nehmen, bevor wir ins Abendmahl gehen, um uns zu fragen: Wie kostbar ist mir die Vergebung, die ich bei meinem König gefunden habe? Und wem muss ich eigentlich von Herzen vergeben?

Amen? Amen.

Lasst uns eine Zeit der Stille haben, und ich beende sie dann.

 

Bibelstellen:

Matthäus 18,21–35; 1.Korinther 13,5; Römer 3,10–19.23; Lukas 6,36; Epheser 4,32; Jeremia 31,34; Römer 12 ab Vers 17.